Schule für Gesang
    Petra Schulze

Der Glanz der Individualität

 

Wiener Staatsoper, 8. Mai 2017, „Tosca“, Jonas Kaufmann als „Cavaradossi“. Dritter Akt im Gefängnis: „E lucevan le stelle“, ein Abschied vom Leben, das Cavaradossi „nie so sehr geliebt“ hat wie in diesem Moment. Es ist eine der ergreifendsten Szenen der Opernliteratur, ganz im Piano beginnend die Steigerung zu dem verzweifelten Ausbruch am Schluss: „nie so sehr geliebt das Leben.“

Es ist völlig still im Zuschauerraum, das Wiener Publikum lauscht gebannt, und Jonas Kaufmann singt mit aller stimmlichen und gefühlsmäßigen Intensität, die ihm zu Gebote steht. Er singt, getragen von Zuhörern, die jeden Ton auswendig kennen, und sie glauben ihm, was er singt, und sie erleben die Verzweiflung am Schluss selbst mit. Der Bann löst sich in einem Beifallssturm, der mir fast zu viel ist in diesem Moment und der Minuten lang nicht endet.

Der Tenor bleibt regungslos in seiner zusammen gesunkenen Positur sitzen. Nach langen Minuten gibt er so unauffällig wie möglich dem Dirigenten ein Zeichen, weiter zu machen. Einfach weiter spielen. Der Dirigent hebt den Stab, einige Geiger nehmen ihre Instrumente hoch – und dann applaudiert das Orchester. Es ist klar, sie alle wollen die Arie nochmal hören, Kaufmann muss sie noch einmal singen. „Wie soll er das machen, das lässt sich nicht wiederholen und auch nicht toppen,“ ist mein erster Gedanke. Eine geschmetterte Bravourarie wiederholen, das geht gut, die wird dann nochmal besser. Aber diese Arie?

Kaufmann steht auf, geht ein paar Schritte in Richtung Hinterbühne, dreht sich langsam um und beginnt in einem Piano, nicht von dieser Welt. Ich höre diese Töne immer noch. Es war der Verzicht auf jegliche Demonstration sängerischer Souveränität, gut gesungen, selbstverständlich, aber darum ging es gar nicht mehr. Etwas Größeres schien von ihm Besitz zu ergreifen, das wiederum so deutlich er selbst war, dass ich glaubte, durch diese Töne bis auf den Grund seiner Seele hören zu können.

Wie mag Kaufmann selbst die Szene erlebt haben? Vielleicht war er so beschäftigt damit, „Platz zu machen“ für dieses Größere, dass er nichts darüber zu sagen wüsste.

Die Kunst als „Welt des schönen Scheins“, wie sie zur Zeit der Klassik genannt wurde, verführt uns dazu, den äußeren Glanz zu suchen. Wir wollen glanzvoll erscheinen und überdecken so mit Blendwerk unser wahres Sein. Der Glanz unserer Individualität erstrahlt dort, wo wir uns öffnen für das Größere, das durch uns hindurch klingen will und das wir selbst sind.

 

 

Schule für Gesang – seit 1996